Auf dem Abreiteplatz… – Der Druck der Ästhetik

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*Auf dem Abreiteplatz*

Meine Blicke schweifen über den Platz, ich sehe anderen Reitern flüchtig in die Augen und sehe, dass einige Pferde für meinen Geschmack in fast zu hoher und enger Haltung geritten werden. Ich reite weiter und erwische mich selbst, wie ich immer wieder eigentlich unpassende Paraden gebe. So ein biiiisschen mehr Haltung geht ja und sieht schicker aus….

Der Druck der Ästhetik.

Wieso – auch wenn wir es uns nicht eingestehen – geben wir diesem Druck nach, der uns dazu bringt andere beeindrucken zu wollen, zu zeigen, dass man es auch kann? Vor allem junge Reiter beugen sich diesem Druck und so sieht man immer mehr Pferde in zu enger oder falscher Haltung, immer höhere Bewegung und leider immer mehr fatale Fehler in der Ausbildung der Pferde und Reiter.

Ich bemerke immer wieder, dass ich einen inneren Konflikt austrage, was das Turnierreiten angeht. Immer wieder komme ich zu dem Schluss, dass eine gute klassische Ausbildung im Gegensatz zu einigen Prüfungen bzw. den gern gesehenen Leistungen steht. Immer wieder hagelt es sehr gute Noten, wenn Pferde viel Bewegung und Raumgriff zeigen. Verdeckt man nun mal mit seiner Hand den vorderen Teil des Pferdes und betrachtet nur Rücken und Hinterhand, kommt man schnell zu dem Schluss, dass diese Art von Reiten bzw. die Art wie wir unsere Pferde sehen wollen oder vorstellen teils nicht nach der klassischen Ausbildungsskala geschieht und erst recht nicht gesunderhaltend ist.

Natürlich muss man sich auch fragen ob man einen Isländer jetzt unbedingt so nah wie möglich an die Versammlung reiten möchte. Klar ist auch, dass das Reiten in reeller Versammlung nur wenigen Reitern tatsächlich gelingt, aber sollte man nicht wenigstens mit diesem Gedanken an seine Arbeit herangehen? Mit dem Gedanken sein Pferd gesunderhaltend reiten zu können? Je nach Pferd sollte es doch das Ziel sein, so weit wie möglich die Ausbildungsskala zu verfolgen.

Islandpferde sind meiner Meinung nach in allen Welten ein Stück zuhause: Sie können dressurmäßig mit entsprechender Ausbildung fast so viel wie ihre großen Kumpels der FN, sie können springen und auch als Gebrauchspferderasse punkten; deswegen sträuben sich meine Haare bei Sätzen wie „Das ist ein Fünfgänger, der galoppiert im Viereck nicht!“ oder „Das ist ein Islandpferd und kein Dressurpferd, wir brauchen kein Schenkelweichen!?“ Entschuldigungen wie diese sind für mich immer wieder ein Zeichen für Unwissenheit der Reiter: Klar tun sich Gangpferde bei manchen Aufgaben schwerer, das ist aber keine Entschuldigung dafür ganze Teile der Ausbildung wegzulassen. Weil „das brauch man ja eh nicht.“

Islandpferde sind immer noch Pferde.

Pferde wie alle anderen.

Sie brauchen eine ordentliche Ausbildung.

Wie alle anderen.

In den Basics wollen wir in allen Sparten das Gleiche. Diese Basics gehen dann oft am Turnier flöten: Verständlich ist das ja auch, da es eine absolute Ausnahmesituation für Pferd und Reiter ist. Aber wenn man in schweren Prüfungen Pferde sieht, die weder taktvoll, noch losgelassen, noch mit einer richtigen Anlehnung geritten werden zweifle ich stark daran, dass wir auf die maßgeblichen und wirklich wichtigen Dinge achten in unserem Gangpferdesport.

Aber wo sollte man denn anfangen etwas zu ändern? Bei den Reitern? Deren Ausbildung? Den Richtern? Deren Ausbildung? Prüfungen? Richtlinien?

Fragen über Fragen, die nicht so einfach zu klären sind.

Im Vergleich zu anderen Sparten ist der Islandpferdesport noch recht jung und man probiert sich aus, das ist ja auch verständlich. Aber betreiben wir nicht alle diesen Sport um mit dem Pferd eine Einheit zu bilden, locker leicht zu kommunizieren und ohne Zwang und Druck miteinander zu „tanzen“? Leider legt der Mensch viel Wert auf die Meinung anderer und möchte sich beweisen. Und das geht wie so oft meist nicht gut für die Pferde aus.

Das beste Gefühl ist es doch, wenn nach Monaten des Trainings auf einmal alles klappt woran man so hart und lange gearbeitet hat. Ohne Dauerberitt oder Hilfszügel. Denn nur, wenn man diesen Weg alleine mit seinem Pferd geht wird man lernen worum es geht. Und wie es geht. Dies geht nur mit sehr viel Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen, dass man jeden Tag aufs Neue beweisen muss. Wie wir alle wissen, ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Was denkt ihr zu diesem Thema? Schreibt gerne einen Kommentar!

„Ist man nicht in der Lage, sein Pferd gleichmäßig, nachgiebig und durchlässig zu machen, so verzichte man lieber ganz auf alle nur in höchster Versammlung zu erreichenden Gänge, als daß man sie in karikaturhafter Manier vorführt.“

Oskar Maria Stensbeck

1 Comment

  1. Nina sagt:

    Hallo, ich bin ganz deiner Meinung. Jedes Pferd gehört anständig gymnastiziert. Gerade Islandpferde sind nicht die größten und ich finde da muss man nochmal ein besonderes Augenmerk auf eine starke Oberlinie legen. Ich meine das nicht als Kritik an großen Reitern auf Isis. Ich bin selbst 1,86m groß und habe eine RB auf einer Isistute. Ich nehme regelmäßig Unterricht und gebe mir große Mühe sie zu gymnastizieren (auch wenn mir das nicht immer perfekt gelingt).
    Im Tuniersport habe ich nicht so viel Einblick, aber die Sparte der Freizeitreiter ist mir besser bekannt. Mit einer Bekannten aus dem Studium hatte ich ein Gespräch und sie erklärte ,sie würde regelmäßig ein Islandpferd reiten, aber ausschließlich im Gelände. Reitunterricht hatte sie in ihrem Leben nur drei Stunden, das sei ohnehin Quatsch gewesen. Einen Helm trägt sie auch nicht, weil das Pferd ja brav ist.
    Sowas macht mich sauer, jemand der Anfänger ist kann ein Pferd nicht so reiten, dass es sich vernünftig trägt. Dieses Gegurke ist pferdeunfreundlich. Ich habe dazu meine Meinung gesagt. Ich finde das erste Gebot beim Reiten ist das Wohl des Pferdes. Immer.

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